Aufgrund überschüssiger Zeit hab ich heute mal meine Festplatte entrümpelt und eine Geschichte gefunden, die ich mal für den Unterricht schreiben musste. Mir bedeutet sie viel, weil ich damit einiges zu verarbeiten versucht habe. Aber genug Gerde, hier die Geschichte.
Wir sind jung, stark. Wir achten nicht darauf, wo wir eigentlich hingehören. Hier zu Haus- verloren in der Welt. Kennen weder Verpflichtungen noch Disziplin. Jung, wild, dynamisch. Immer mittendrin im Nachtleben, da wo was läuft. Tanzen, singen, saufen, kotzen. Was wirklich wichtig ist? Wie komme ich nach Hause, ohne dass Mama und Papa was merken oder doch eher, wie ich meine Erinnerungen an den letzten Abend wieder erlange? Vielleicht auch, wie ich die megapeinlichen Bilder von Facebook löschen lasse? Kein Plan, aber wen interessiert’s? Wer denkt da schon nächste Woche noch dran? Aber was mache ich bis dahin? Mich auf die Couch chillen und die Gang zusammen trommeln um ein Köpfchen auf der Shisha zu rauchen? Zu faul. Viel zu antriebslos. Aussichtslos. Zukunft, wen kümmert’s? Eine Ausbildung machen, vielleicht studieren um dann arbeiten zu gehen und gutes Geld zu verdienen? Ne, das verschwendet nur meine kostbare Zeit. Erst mal das Leben richtig leben. Doch was heißt das überhaupt? Was ist der Sinn des Lebens? Egal, ich geh feiern. Rein in das Getümmel der Nacht. Schweißgeruch der anderen, Alkohol, ein bisschen Gras und die hübschen bunten Pillen. Es geht mir gut. Und dann stehst du vor mir. Mit den dunkelbraunen, ehrlichen Knopfaugen, den kurzen Haaren und dem umwerfenden Lächeln. Sympathie, Zuneigung, der Geruch nach Bier und Kirschlikör. Ich kenne dich, habe nur noch nie großartig mit dir gesprochen, doch ich merke, wie sehr ich von dir angetan bin. Wir gehen vor die Tür, weil du rauchen willst. Zitterst, willst dir die Kippe falsch rum in den Mund stecken. Ich halte dich auf und du siehst mir tief in die Augen, deine Hand hält meine. Sekundenbruchteile, intensiver als 1000 Stunden es je sein könnten. Fassungslos, nach Atem ringend stehen wir da. Hier draußen, wo uns niemand sieht. An einander gedrängt, wie frierende Rehe im Wald. Deine Arme fest hinter meinen Rücken geschlungen. Gefühle, die immer da waren und nur darauf warteten, aus den Mauern der Verleugnung auszubrechen. Kannten uns immer, kannten uns dennoch nie wirklich. Nächster Tag. Alles vergessen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Verfickte Scheiße. Du kannst dich nicht erinnern, ich mich schon. Immer wiederkehrende Bilder. Wir beide, eng umschlungen auf dieser Bank. Leise, geflüsterte Worte in meinem Ohr. Von dir. Deine Stimme in meinem Kopf für immer.
Noch immer. Morgens, mittags, abends. Diese Worte, immer wieder dieselben. So bittersüß. Will sie nie vergessen, werde sie nicht vergessen. So wie ich dich nie vergessen werde. Meine erste Liebe, mein erster Liebeskummer. Und diese Nacht. Unsere Nacht. Damals, als wir noch unvernünftig, jung und dumm waren. Jetzt sind wir 20 Jahre älter, wohnen in unterschiedlichen Städten und doch sehen wir uns mindestens zweimal im Jahr, wenn mal wieder was in unserem alten Heimatdorf veranstaltet wird. Ein flüchtiges Kopfnicken, wenig gewechselte Worte. Nichts blieb übrig von der kurz geteilten Liebe. Wirklich nichts? Für dich mag das stimmen, aber ich hab dich immer geliebt. Doch nun sind wir alt, haben Arbeit, Familie und ein geregeltes Leben. Naja, wie man es nimmt. Die Unbekümmertheit von damals ist strengen Regeln und straffen Zeitplänen gewichen. Die Shisha wurde gegen die Pausenzigarette und einen schwarzen Kaffee eingetauscht. Feiern zu gehen bedeutet heute Stress und Lustlosigkeit. Schon wieder ein Familiengeburtstag, eine Hochzeit oder ein anderes Jubiläum. Die Kinder sind eingeschult, die Jugendweihe steht bevor. Oft denke ich an die vergangenen Zeiten zurück. Die Gang von damals gibt es nicht mehr. Auseinander gelebt und über die ganze Welt zerstreut . Alles was uns blieb ist der Titel „Always“ von Erasure.

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